»Auch bei Reizdarm ist es ausschließlich der Arzt, der die Angemessenheit einer Methode einschätzen und rechtfertigen kann.«

Schlecht diagnostiziert und oft falsch behandelt: Die Barmer fährt schwere Geschütze gegen die Ärzteschaft auf. Doch die Basis für ihre Behauptungen ist vage, wie Dr. Ulrich Tappe vom Berufsverband der nieder gelassenen Magen-Darm-Ärzte im Interview erläutert.

MDÄ.de: Was bedeutet eigentlich Reizdarmsyndrom – handelt es sich dabei überhaupt um eine klar definierte Erkrankung?

Tappe: Das Reizdarmsyndrom geht mit einem breiten Spektrum an Symptomen einher, die bei jedem Patienten verschieden ausgeprägt sind und von jedem Patienten unterschiedlich belastend empfunden werden. Es ist eher ein Komplex von Beschwerden als eine klar definierte Krankheit. Sie kann durch eine Vielzahl von Ursachen hervorgerufen werden und ist eine deutliche Belastung für den Betroffenen, aber auch für unser Gesundheitssystem. Zunächst wichtig ist, das Reizdarmsyndrom von schwerwiegenden Erkrankungen abzugrenzen, die zum Teil ähnliche Beschwerden hervorrufen. Eine den Umständen angepasste Differenzialdiagnostik ist deshalb angebracht. Es obliegt der ärztlichen Erfahrung und Kompetenz, zu entscheiden, welche Maßnahmen angezeigt sind.

MDÄ.de: Welche Diagnostik ist erforderlich?

Tappe: Wichtig sind Untersuchungen, die ernste Erkrankungen ausschließen. Dabei ist nach den Leitlinien eine Darmspiegelung und bei Frauen eine gynäkologische Untersuchung notwendig. Eine Ultraschalluntersuchung des Bauchraumes ist ebenfalls eine geeignete, wenig invasive Maßnahme. MRT- oder gar CT-Untersuchungen sind in der Regel nicht erforderlich, weil sie beim Reizdarmsyndrom keine neuen Erkenntnisse bringen.

MDÄ.de: Welche therapeutischen Maßnahmen sind sinnvoll?

Tappe: Auf alle Fälle sollten die Beschwerden ernst genommen werden. Es kann erforderlich sein, eine – gegebenenfalls qualifizierte – Ernährungsberatung anzubieten. Auch eine psychosomatische oder psychotherapeutische Betreuung kann den Betroffenen in einigen Fällen nützen. Darüber hinaus gibt es Arzneimittel, die sich bewährt haben. Häufig ist eine jahrelange Begleitung hilfreich, damit der Patient sein Beschwerdebild bewältigen kann.

MDÄ.de: Sind Verdauungsprobleme wirklich ein Tabuthema, dauert es tatsächlich jahrelang bis sich Patienten damit an einen Arzt wenden?

Tappe: Für einen Magen-Darm-Arzt ist die Auseinandersetzung mit Verdauungsproblemen sein tägliches Brot. Dass einige Patienten sich erst nach Jahren an einen Arzt wenden, kann ich als Gastroenterologe nicht nachvollziehen.

MDÄ.de: Sind tatsächlich bereits jüngere Menschen stark betroffen?

Tappe: In der Regel ist das Reizdarmsyndrom eher ein Problem jüngerer Menschen. Mit zunehmendem Alter liegen den Beschwerden oft andere Erkrankungen zugrunde, die gezielt therapiert werden können.

MDÄ.de: Was halten Sie von den Vorwürfen der Barmer, dass in Zusammenhang mit dem Reizdarmsyndrom zu viel unangemessene Diagnostik und oft ungeeignete Medikamente eingesetzt werden?

Tappe: Es ist nicht von der Hand zu weisen, dass die Erwartungshaltung des Patienten, die manchmal auch durch Versprechen der Versicherer bestärkt worden ist, sowie die rechtliche Problematik von Unterlassungen im Einzelfall einen gewissen Druck für überdimensionierte Diagnosemaßnahmen erzeugen kann. Dennoch ist es ausschließlich der Arzt, der die Angemessenheit einer Methode einschätzen und rechtfertigen kann. Was Opiate in der Therapie des Reizdarmsyndroms betrifft, muss man den Kassen rechtgeben. Diese Präparate sind nur mit äußerster Vorsicht bei nicht palliativ Erkrankten einzusetzen, da sie das Potenzial haben, Sucht auszulösen, und letztlich auch das Leben verkürzen können. Das ist bei nicht Lebenszeit beschränkenden Erkrankungen inakzeptabel.