»Ein Reizdarm ist unangenehm, aber meist harmlos. Wenn eine schwere Erkrankung ausgeschlossen ist, helfen oft Veränderungen von Ernährungsverhalten und Lebensstil.«

Der Reizdarm ist ein Krankheitsbild, bei dem verschiedene Verdauungsprobleme zu beeinträchtigenden Beschwerden führen, ohne dass eine körperliche Ursache festgestellt werden kann. „Die Behandlung richtet sich nach Schwere und Intensität der individuellen Krankheitssituation“, sagt Dr. Ulrich Tappe vom Berufsverband der niedergelassenen Magen-Darm-Ärzte. „Sie zielt darauf, in einer ganzheitlichen Betrachtung bio-psycho-soziale Faktoren offenzulegen, die das Wohlbefinden des Patienten stören, und versucht, praktikable Maßnahmen zu finden, die seine Situation verbessern. Dabei spielen Bewegung und auch das Ernährungsverhalten eine große Rolle.“

MDÄ.de: Warum soll ich mit meinem Reizdarm zum der Magen-Darm-Arzt gehen, wenn er doch sowieso keine körperlichen Ursachen finden kann?

Tappe: Zunächst muss man sicher sein, dass eine ernste Erkrankung vorliegt. Auf jeden Fall muss eine Darmspiegelung erfolgen. Ferner können Nahrungsmittelunverträglichkeiten geprüft und seltene Erkrankungen z.B. eine Sprue ausgeschlossen werden. Frauen sollten unbedingt auch gynäkologische Erkrankungen definitiv durch einen Besuch beim Frauenarzt abklären lassen. Ferner kann der Arzt Wege zur Symptombewältigung aufzeigen oder hier Hilfen vermitteln.

MDÄ.de: Welches sind die Reizdarmbeschwerden und was löst sie aus?

Tappe: Als Reizdarmbeschwerden werden Beschwerden (z. B. Bauchschmerzen, Blähungen) benannt, die länger als drei Monate bestehen und die von Patient und Arzt auf den Darm bezogen werden. In der Regel liegen auch Stuhlgangsveränderungen vor. Die Beschwerden sind meistens so stark, dass die Lebensqualität relevant beeinträchtigt wird. Auslöser kanneine verstärkte Wahrnehmung der abdominalen Schmerzfasern sein, getriggert z.B. durch einen kurz zuvor stattgehabten Magen-Darm-Infekt.

MDÄ.de: Welche Rolle spielt die Ernährung?

Tappe: Viele Menschen kennen Bauchprobleme, wenn sie etwas „Falsches“ gegessen haben. Bei der heutigen Ernährung ist es aber nicht mehr so leicht herauszufinden, welche Substanzen individuell nicht gut vertragen werden. Hier kann eine Ernährungsberatung hilfreich sein. In schweren Fällen kann man dabei sogar auf eine sogenannte allergenarme Diät, also eine extreme Schonkost, zurückgreifen. In vielen Fällen geht eine Änderung der Ernährungsgewohnheiten auch mit einer Verbesserung des Lebensstiles einher. Beides kann zu einer Besserung beitragen.

MDÄ.de: Wie verhalte ich mich bei einer Nahrungsmittelintoleranz, wenn ich Reizstoffe nicht vermeiden kann, weil sie überall drin sind?

Tappe: Hier kommt es häufig auf die Menge an. So können manche Nahrungsmittel viele Reizstoffe in sich bergen, andere wiederum enthalten diese ganz überwiegend nicht.

 

MDÄ.de: Hilft mir der Magen-Darm-Arzt bei Ernährungsfragen oder soll ich lieber zum Ernährungsberater gehen?

Tappe: Magen-Darm-Arzt und Ernährungsberater ergänzen sich. Viele Magen-Darm-Ärzte sind zusätzlich auch Ernährungsmediziner. Während der Arzt klar definieren kann, ob Fette, Eiweiße oder Kohlenhydrate verstoffwechselt werden können, Vitaminmangelzustände bestehen oder andere Probleme vorliegen, hilft der Ernährungsberater diese Empfehlungen umzusetzen. Viele Ärzte haben daher bereits enge Kooperationen mit Ernährungsberatern geschlossen. MDÄ.de: Wie finde ich zuverlässige Informationen und zuverlässige Beratung in Ernährungsfragen?Tappe: Hier kann ihr Magen-Darm-Arzt Ihnen weiterhelfen. Er wird sie an einen Oecotrophologen bzw. Ernährungsberater vermitteln. Als Qualtitätskriterium kann das Zertifikat "Ernährungsberater/in VDOE“ (BerufsVerband Oecotrophologie e.V.) und Ernährungsfachkraft im DAAB (Deutscher Allergie- und Asthmabund e.V.) dienen.

MDÄ.de: Was hat Reizdarm mit Stress, meiner psychischen Situation und meinem sozialen Umfeld zu tun?

Tappe: Der Körper reagiert natürlich auf Stress und Übermüdung. Anforderungen, die alltäglich auf einen einwirken, müssen vom Menschen verarbeitet werden können. Bei manchen Menschen ist der Magen-Darm-Trakt dann das Organ, das ein wenig verrückt spielt. Bekannt ist dies beim Prüfungsstress, aber auch Trauer und Überanstrengung schlagen einem nicht selten auf den Magen. Sprichwörter wie „Steine im Bauch haben“ oder „es liegt mir wie Blei im Magen“ sprechen für sich. Aber auch Glücksgefühle z.B. „Schmetterlinge im Bauch haben“ sprechen hier eine eigene Sprache).

MDÄ.de: Muss ich zum Psychiater – ich bin doch nicht verrückt und bilde mir alles bloß ein?

Tappe:  Nicht der Psychiater, wohl aber der Psychotherapeut kann mithelfen, einige Probleme eines Reizdarm-Syndroms in den Griff zu bekommen. Dennoch können in einigen Fällen auch Psychopharmaka vorübergehend hilfreich sein.