»Studien belegen, dass die Vorsorge-Darmspiegelung bereits Hunderttausende von Darmkrebserkrankungen verhindert hat«

Trotz der nachgewiesenen Erfolge ist die Zurückhaltung bei der Darmkrebsvorsorge in der Bevölkerung immer noch groß. Die Felix-Burda-Stiftung hat den diesjährigen Darmkrebsmonat deshalb unter das Motto „Ausreden können tödlich sein“ gestellt. Dr. Dagmar Mainz, die Sprecherin des Berufsverbandes der niedergelassenen Magen-Darm-Ärzte erläutert, warum die Darmspiegelung so erfolgreich im Kampf gegen den Darmkrebs ist.

MDÄ.de: Warum ist die Zurückhaltung bei der Teilnahme am gesetzlich geregelten Darmkrebs-Screening immer noch so hoch?

Mainz: Das hat sicher mehrere Gründe. Zunächst mal sind Arztbesuche immer lästig. Die kostbare Zeit wird lieber anders genutzt, vermeintlich unangenehme Dinge schiebt man gerne auf. Etwas anderes erscheint wichtiger. Darauf zielen unser diesjähriges Motto "Schluss mit Ausreden" und die Kampagne der Felix-Burda-Stiftung ab. Außerdem ist die Meinung, dass die Darmspiegelung selbst unangenehm und oft schmerzhaft sei, immer noch weit verbreitet. Hinzu kommt, dass vielen der große Nutzen der Darmspiegelung nicht bewusst ist.

MDÄ.de: Kann die Darmspiegelung wirklich Darmkrebs verhindern?

Mainz: Ja. Dickdarmkrebs entsteht fast immer aus Vorstufen. Diese gutartigen Neubildungen wachsen als kleine Erhabenheiten, auch Polypen genannt, in der Schleimhaut. Im Laufe der Jahre werden sie größer und entarten zu bösartigen Krebsgeschwulsten. Entdeckt und entfernt man sie rechtzeitig im Zuge der Darmspiegelung, ist diese Gefahr gebannt. Je nach Anzahl, Sorte und Größe der Polypen schätzt man das individuelle Risiko für die Entstehung weiterer Neubildungen ein und empfiehlt Kontrolluntersuchungen. Durch diese Überwachung werden neu wachsende Polypen rechtzeitig erkannt. Nach nunmehr über 13 Jahren Früherkennungs-Darmspiegelung können die Zahlen belegen, dass die Rate an Darmkrebs-Neuerkrankungen in Deutschland zurückgegangen ist. Nicht auszudenken, wie groß dieser Effekt erst wäre, wenn alle Vorsorgeberechtigten mitmachen würden!

MDÄ.de: Wie gefährlich ist es, keine Darmkrebsvorsorge zu machen?

Mainz: Wenn man bedenkt, dass Dickdarmkrebs in Deutschland die dritthäufigste Krebserkrankung ist, dann ist das sehr gefährlich! Jährlich erkranken 27.600 Frauen und 33.400 Männer (Robert Koch Institut 2015). Darmkrebs entsteht unbemerkt. Weder Polypen noch kleine Krebsgeschwulste verursachen Beschwerden. Mit der Vorsorgeuntersuchung zu warten, weil man nichts verspürt, ist daher keine gute Idee. Die Behandlung des fortgeschrittenen Darmkrebs ist langwierig und stark beeinträchtigend. Entdeckt man bei der Vorsorge-Darmspiegelung kleine Karzinome, so sind diese im frühen Stadium durch Operation heilbar!

MDÄ.de: Wie wird eine Darmspiegelung durchgeführt?

Mainz: Bei der Darmspiegelung wird ein dünnes biegsames schlauchartiges Gerät durch den Darm geführt. Auf kleinstem Raum sind in dem Gerät, dem Endoskop, Lichtquellen, eine Optik, ein Kanal zum Eingeben von Luft und ein Kanal zum Einführen von Instrumenten, zum Beispiel für die Polypabtragung, sowie zum Spülen untergebracht. Mit der Luft wird der Darm zur Entfaltung gebracht. Mit zwei Rädern am Handteil des Endoskops kann die Gerätespitze gebogen und damit gelenkt werden. So kann das Endoskop vom Enddarm durch den gesamten Dickdarm bis zum Abgang des Wurmfortsatzes und ggfs. noch ein Stückchen in den Dünndarm vorgeschoben werden. Auf dem Rückweg wird die Darmschleimhaut sorgfältig betrachtet, Polypen können entfernt, Gewebeproben entnommen werden.

Damit dies überhaupt möglich ist, muss der Darm gut gereinigt sein. Die Abführlösungen wurden in den letzten Jahren stetig verbessert und schmecken gar nicht so schlecht. Zur Untersuchung liegt man auf der Seite und auf dem Rücken. Man bekommt ein spezielles Höschen und kann zugedeckt werden. Außerdem werden während der Untersuchung das Herzkreislaufsystem und die Atmung überwacht. Fast immer kann die Untersuchung unter der so genannten Sedierung durchgeführt werden. Das bedeutet, dass man während der Untersuchung schläft. So ist die Spiegelung weder unangenehm noch schmerzhaft.

MDÄ.de: Wer sollte eine solche Untersuchung durchführen lassen?

Mainz: Alle Vorsorgeberechtigten ab 55 Jahre, Menschen mit einem erhöhten Risiko auch schon früher. Wenn zum Beispiel erstgradig Verwandte oder mehrere Verwandte an Dickdarmkrebs erkrankt sind, oder auch in jüngeren Jahren Polypen hatten, dann sollte man sich beraten lassen, ab wann eine Untersuchung sinnvoll ist. Bei seltenen erblichen Darmkrebsformen kann dies schon recht früh angeraten sein. Auch bei gehäuft vorkommenden anderen Krebsarten in der Familie ist eine Beratung zu empfehlen.

Für Patientinnen und Patienten mit entzündlichen Dickdarmerkrankungen gibt es wegen des erhöhten Risikos ebenfalls klare Richtlinien, ab wann regelmäßige Darmspiegelungen angezeigt sind. Abgesehen von der Vorsorge sind Beschwerden, die ihre Ursache in einer Darmerkrankung haben könnten, immer Grund für die Spiegelung. Diese können z. B. Blutbeimengungen im Stuhl, ungeklärte Bauchschmerzen, Stuhlveränderungen, Gewichtsabnahme oder Blutbildveränderungen sein. Der Hausarzt und der Magen-Darm-Arzt können diesbezüglich beraten.

MDÄ.de: Bin ich sicher, wenn die Darmspiegelung keinen Befund ergeben hat?

Mainz: Eine hundertprozentige Garantie kann keine Untersuchung geben. Die Darmspiegelung ist aber nach wie vor der Goldstandard unter den möglichen Verfahren. Sie ist die empfindlichste Methode mit der größten diagnostischen Sicherheit. Dass dabei größere und fortgeschrittene Veränderungen im Darm übersehen werden, ist eine absolute Seltenheit.

MDÄ.de: Was tue ich, wenn mein Lebenspartner nicht zur Vorsorge gehen will?

Mainz: Die Felix-Burda-Stiftung hatte da mal die tolle Kampagne "Wer seinen Partner liebt, schickt ihn zur Darmkrebsvorsorge!". Aber zwingen kann man natürlich niemanden. Es ist sicher positiv, wenn man selbst mit gutem Beispiel vorangeht. Vielleicht ist dann ja auch der Partner motiviert, nach dem Motto: Wer seinen Partner liebt, der geht zur Darmkrebsvorsorge!