»Wir erleben zurzeit in der Gastroenterologie einen beispiellosen Innovationsstau zulasten der Patienten«

Auch die Medizin bleibt nicht von plakativen Pauschalurteilen verschont, die geeignet sind, den Einzug sinnvoller und innovativer Methoden zu torpedieren. Gerade in der Gastroenterologie steht inzwischen eine Reihe von Methoden zur Verfügung, die Fortschritte für die Versorgung der oft chronisch erkrankten Patienten bringen. Statt sie als kassenärztliche Leistung zugänglich zu machen, nötigt das Gesundheitswesen ambulant tätige Ärzte dazu, den Patienten leitlinienkonforme Verfahren nur als Selbstzahlerleistungen anbieten zu können.

MDÄ.de: Was sind die Konsequenzen aus dem Innovationsstau in der Gastroenterologie?

Heil: Die niedergelassenen Magen-Darm-Ärzte sehen sich mit einer der größten Herausforderungen konfrontiert, weil - abgesehen von der Dünndarmkapsel-Endoskopie - seit Jahren keine innovativen gastroenterologischen Methoden Eingang in den Leistungskatalog der gesetzlichen Krankenkassen gefunden haben. Wenn das so bleibt, dann wird unser Fachgebiet im ambulanten Bereich veralten, und die ambulante Gastroenterologie wird von der Entwicklung in den Kliniken abgekoppelt. Änderungen und Ergänzungen des Leistungskatalogs sind lange überfällig. Unsere Vorschläge dazu haben wir vor über einem Jahr der KBV formuliert. Bis heute ist nichts passiert.

MDÄ.de: Können Sie Beispiele nennen?

Heil: Besonders wichtig sind unter anderem die Kontrastmittel-Sonografie für die Diagnose von Leberherden und Veränderungen der Bauchspeicheldrüse, die Endosonografie für das Tumor-Staging im Magen-Darmtrakt, die Aufdehnung von Verengungen (Stenosen) im Magen-Darmtrakt, moderne Verfahren zur Polypenabtragung und der Fibroscan zur Verlaufskontrolle bei chronischen Leber-Erkrankungen. Der Nutzen dieser Verfahren steht außer Frage. Keine der Leistungen ist überflüssig. Die meisten sind medizinisch nicht nur begründet, sondern Stand der Wissenschaft. Dennoch ist es bislang nicht gelungen, die zuständigen Gremien und Behörden dazu zu bewegen, sich überhaupt nur mit der Frage einer möglichen Aufnahme in den Leistungskatalog zu beschäftigen.

MDÄ.de: Das bedeutet, diese Leistungen werden Kassenpatienten bis auf weiteres vorenthalten?

Heil: Wenn der niedergelassene Magen-Darm-Arzt solche Leistungen für notwendig hält, aber seinem Patienten eine Rechnung über individuelle Gesundheitsleistungen ersparen will, wird er ihn ins Krankenhaus einweisen müssen, denn dort werden innovative Leistungen bezahlt. Eine stationäre Krankenhausbehandlung ist allerdings nur gerechtfertigt, wenn die Weiterbehandlung mit den Mitteln eines Krankenhauses aus medizinischen Gründen erfolgen muss. Grundsätzlich hat die ambulante Behandlung Vorrang vor der stationären Behandlung, wenn das Behandlungsziel zweckmäßig und ohne Nachteil für die Patientin oder den Patienten mit den Mitteln der ambulanten Versorgung erreicht werden kann.

MDÄ.de: Das heißt, Sie dürfen eigentlich weder auf Kassenkosten behandeln noch ins Krankenhaus einweisen?

Heil: Nach den geltenden Bestimmungen kann man es in der Tat nicht richtig machen: Eine stationäre Einweisung ist medizinisch oft nicht erforderlich. Aber im Leistungskatalog der gesetzlichen Krankenkassen sind diese Verfahren auch nicht enthalten. Als IGeL sind die meisten Methoden viel zur aufwendig und dem Patienten kaum zumutbar. Außerdem werden IGeL von Kassen und Politik systematisch diskriminiert. In diesem Dilemma entscheiden viele von uns, eine medizinisch sinnvolle und notwendige Leistung zu erbringen, auch wenn es keine Abrechnungsmöglichkeit gibt.

MDÄ.de: Also eine verfahrene Situation ohne Ausweg?

Heil: Ich würde mir einen differenzierteren Umgang mit dem Angebot leitlinienkonformer medizinischer Leistungen wünschen, die ihren Weg noch nicht in den ambulanten Leistungsbereich der GKV gefunden haben. Statt mit dem Finger auf die Ärzte zu zeigen, sollten die Verantwortlichen in der Ärzteschaft, bei den Krankenkassen und in der Politik lieber die Voraussetzungen, dafür schaffen, dass Innovationen unbürokratisch und zeitnah in der ambulanten Versorgung zur Verfügung gestellt werden. Die NUB-Vereinbarung zur Vergütung von neuen Untersuchungs- und Behandlungsmethoden im Krankenhaus könnte hier ein Vorbild sein.