»Ein paar Pfunde zu viel toleriert der deutsche Bürger, ohne viele Worte darüber zu verlieren. Doch die Fetteinlagerung in den Geweben ist riskanter als die meisten wissen

Unter anderem kommt es auf die Dauer zu einer Verfettung der Leber. Die nicht alkoholische Fettleber gilt mittlerweile als Volkskrankheit. Warum das so bedenklich ist, erklärt der Leber-Experte der niedergelassenen Magen-Darm-Ärzte, Dr. Karl-Georg Simon.

MDÄ.de: Was ist die Aufgabe der Leber und  warum  ist die Fetteinlagerung in der Leber so gefährlich?

Simon: Die Leber hat vielschichtige Aufgaben in der Synthese von Eiweißen, in der Produktion von Cholesterin und den daraus entstehenden Gallensäuren, und von Glukose. Etwa ein Liter Galleflüssigkeit wird in der Leber täglich gebildet, Vitamine werden gespeichert und bereitgestellt. Die Leber ist ein sehr wichtiges Organ zur Entgiftung, gleichzeitig Bestandteil der Abwehrfunktion des Körpers.

Ernährungsbedingtes überschüssiges Fett wird nicht nur als Bauchfett gespeichert, sondern auch als Fettanreicherung der inneren Organe einschließlich der Leber. Dies begünstigt die Entstehung von Diabetes mellitus, der sekundär die fortgesetzte Fetteinlagerung in die Leber fördert. Bereits die einfache Verfettung der Leber stellt zusätzlich ein Risiko für Herz-Kreislauferkrankungen (KHK) dar.

Unter diesen belastenden Bedingungen kommt zu Veränderungen der Leberstruktur. Sekundär kann sich eine Fettleberhepatitis mit zunehmender Bindegewebsbildung entwickeln, die schließlich die geschilderten wichtigen Organfunktionen erheblich beeinträchtigt, und zwar im fortgeschrittenen Stadium bis hin zum Leberversagen.

MDÄ.de: Wie viele Menschen in Deutschland sind davon betroffen?

Simon: Patienten mit Fettleber bilden die größte Gruppe der lebererkrankten Patienten in Deutschland. In westlichen Industrieländern geht man von ca. 30 Prozent der Bevölkerung aus. Genaue Zahlen sind nicht bekannt. Selbst die Statistiken der Krankenkassen sind ungenau, weil Fettlebererkrankungen uneinheitlich dokumentiert werden.

MDÄ.de:  Merken die Betroffenen nicht, dass es ihrer Leber schlecht geht?

Simon: Nein. Die Leber tut nicht weh, das heißt auf die Dauer schwerwiegende krankhafte Veränderungen verlaufen über lange Zeit weitgehend beschwerdefrei. Nur wenn die Leberkapsel bei fortgeschrittener Lebererkrankung aufgrund der Organvergrößerung unter Spannung gerät, klagen Patienten über Schmerzen im Oberbauch. Selbst eine Leberzirrhose kann unbemerkt entstehen.

Eine akute Leberentzündung kann jedoch unspezifische Symptome wie Müdigkeit, Leistungseinschränkung, Druck im Oberbauch, Übelkeit machen, unter Umständen auch eine Gelbverfärbung in den Augen und auf der Haut.

MDÄ.de: Wie kann ich erfahren, ob meine Leber gesund ist?

Simon: Durch einen Gesundheitscheck beim Hausarzt mit Laboruntersuchung inklusive Bestimmung der Leberwerte GGT, GPT, GOT. Im Einzelfall kann auch ein Ultraschall des Bauchraums sinnvoll sein. Im Falle eines positiven Befundes überweist der Hausarzt bei Bedarf zur weiterführenden Diagnostik und spezialisierten Behandlung an den niedergelassenen Gastroenterologen.

MDÄ.de: Gibt es Behandlungsmöglichkeiten?

Simon: Zunächst helfen alle Maßnahmen, die zum Schutz der Leber empfohlen werden.  Neben der Gabe von Vitamin E kommen medikamentöse Optionen zum Beispiel zur Regulation der Blutfettwerte in Betracht. In bestimmten Fällen steht die Adipositaschirurgie als operative Möglichkeit zur Verfügung. Darüber hinaus sind viele weitere Wirkstoffe zurzeit Gegenstand der klinischen Forschung. Die Erfahrung lehrt uns allerdings, dass die Einführung neuer Medikamente oft mit hohen Therapiekosten verbunden ist. 50.000 Euro Jahrestherapiekosten pro Patient sind dabei eine realistische Schätzung. Das wird aus heutiger Sicht im Rahmen der gesetzlichen Krankenversicherung, nicht zuletzt auch angesichts des Ausmaßes der künftig zu erwartenden Erkrankungszahlen, kaum finanzierbar sein.

MDÄ.de: Sie fordern ein Register zur Erfassung der Versorgungsdaten. Was wollen Sie damit erreichen?

Simon: Zum einen wollen wir die im Rahmen der Versorgung von Patienten mit Hepatitis C bestehende deutschlandweite Vernetzung aller großen hepatologischen Behandlungszentren nutzen, um die Versorgung von Fettleber-Patienten zu optimieren und damit wichtige, bisher nicht in dieser Breite vorhandene wissenschaftliche Daten in der Versorgungsforschung erstmals zu generieren.

Zum anderen wollen wir die Basis für eine Früherkennung gefährdeter Patienten mit Fettlebererkrankung schaffen. Dabei handelt es sich um Patienten, bei denen Fettleberentzündung und Bindegewebsvermehrung rasch zur Verschlechterung in Richtung Leberzirrhose führen. Ein solcher Verlauf geht mit Komplikationen wie Krampfadern in der Speiseröhre, leberbedingten Einschränkungen der Hirnfunktion, Flüssigkeitsansammlung im Bauchraum oder Leberzellkrebs und damit einem Bedarf für eine Lebertransplantation einher. Bei diesen Patienten könnte ein intensiviertes Therapiemanagement, das eine optimierte Ernährung, Gewichtsabnahme, regelmäßige Bewegung, gegebenenfalls eine Optimierung der Medikation sowie die Therapie von Begleiterkrankungen wie Diabetes mellitus, Bluthochdruck oder Gefäßerkrankungen umfasst, das Fortschreiten abbremsen und die Prognose deutlich verbessern.

MDÄ.de:  Wie kann ich meine Leber schützen?

Simon: Durch eine fettreduzierte, gesunde Vollkost und den Verzicht auf täglichen Fleischkonsum. Übergewicht sollte auf Normalgewicht reduziert werden. Zu empfehlen ist ferner die Beschränkung auf einen moderaten, nicht täglichen Alkoholkonsum von nicht mehr als dem Alkoholgehalt von 0,2 Liter Wein oder 0,3 Liter Bier pro Tag. Bis zu vier Tassen Kaffee sind am Tag der Lebergesundheit zuträglich. Ebenso regelmäßige sportliche Aktivitäten. Wer auf Medikamente angewiesen ist, sollte darauf achten, dass sie möglichst leberverträglich sind.