»Bei Angehörigen von Darmkrebserkrankten
steigt das genetische Risiko, auch an
einem Darmkrebs zu erkranken, auf das
Zwei- bis Vierfache«

2017 jährt sich das gesetzliche Screening-Programm zur Darmkrebs-Vorsorge zum 15. Mal. Den von der Felix Burda Stiftung initiierten Darmkrebsmonat gibt es bereits ein Jahr länger. Dr. Dietrich Hüppe, Vorstandsmitglied der Stiftung LebensBlicke und Darmkrebs-Experte beim Berufsverband der niedergelassenen Magen-Darm-Ärzte erläutert im Gespräch, was erreicht worden ist und was zu tun bleibt.

MDÄ.de: Screening-Programm und Darmkrebsmonat sind zwei Erfolgsstories - wie hängen sie zusammen?

Hüppe: Die Felix Burda Stiftung und die Fachgesellschaften (DGVS, DKG) waren um die Jahre 2001/2002 wesentlich daran beteiligt, „die Politik“ und die gesetzlichen Krankenkassen (GKV) davon zu überzeugen, dass die Darmkrebsvorsorge intensiviert werden sollte. Infolge dessen wurde zum 1.10.2012 die Vorsorge-Koloskopie in den Leistungskatalog der GKV aufgenommen. Diese Vorsorgeleistung bedarf der Bewerbung. Hierfür stehen in Deutschland die Felix Burda Stiftung und die Stiftung Lebensblicke.

MDÄ.de: 15 Jahre Screening-Programm – warum gibt es den Darmkrebs immer noch?

Hüppe: Das Vorsorgeprogramm - Beratung, Stuhlteste, Vorsorgedarmspiegelung - hat zum Ziel, Vorstufen von Darmkrebs frühzeitig zu erkennen und aus dem Darm zu entfernen und den Darmkrebs – sollte er schon manifest geworden sein – so frühzeitig zu erkennen, dass eine Heilung möglich ist. Insofern ist nicht zu erwarten, dass der Darmkrebs ausgerottet werden kann. Aber die Anzahl der an Darmkrebs Erkrankten sollte sinken und die Anzahl der Darmkrebstoten sollte fallen. Beides ist jetzt der Fall. Die Statistiken des Robert Koch-Institutes belegen dies. Der Erfolg könnte noch viel größer sein, wenn sich mehr Bürger beteiligen würden. In den letzten 14 Jahren haben ca. 30 Prozent der anspruchsberechtigten Menschen über 55 Jahren an der Vorsorge teilgenommen. Da ist noch viel „Luft nach oben“!

MDÄ.de: Das Motto des Darmkrebsmonats 2017 lautet "Ausreden können tödlich sein!". Was sind die beliebtesten Ausreden, nicht zur Darmkrebsvorsorge zu gehen, und warum sind sie tödlich?

Hüppe: Die Ausreden sind vielfältig: „Mir passiert schon nichts“, "In meinen Darm schaut keiner rein“, „Ich habe Angst vor dem Abführen oder Komplikationen“ „Ich will gar nicht wissen, wie es in meinem Darm aussieht“ „Vorsorge ist nichts für mich“. Selbst wenn „Blut im Stuhl“ als Symptom auftritt, meinen noch viele „das liegt an Hämorrhoiden!“ Wird ein Darmkrebs zu spät erkannt, d.h. liegen schon Tochtergeschwülste (Metastasen) vor, so wird eine komplette langfristige Heilung der Erkrankung schwierig. Viele Patienten versterben dann letztlich an den Folgen der Krebserkrankung.

MDÄ.de: Warum muss es eine Darmspiegelung sein – reicht nicht ein Test auf Blut im Stuhl?

Hüppe: Ein Test auf Blut ist „besser als nichts“. Nur: der Stuhltest wird nur positiv, wenn der Polyp oder der Krebs bluten. Bluten die Veränderungen gerade nicht, dann bleibt der Stuhltest negativ, obwohl krankhafte Veränderungen vorliegen! Die Darmspiegelung erzielt zumeist Gewissheit, schon Darmkrebsvorstufen, also Polypen, können entfernt werden.

MDÄ.de: Menschen, bei denen im Zuge der Darmspiegelung Darmkrebsvorstufen entfernt worden sind oder die gar an Darmkrebs erkrankt gewesen sind, müssen daran denken, dass ihre nächsten Verwandten ein erhöhtes Erkrankungsrisiko haben. Was sollen sie tun?

Hüppe: Bei Angehörigen von Darmkrebserkrankten steigt das genetische Risiko, auch an einem Darmkrebs zu erkranken im Vergleich zur Allgemeinbevölkerung auf das Zwei- bis Vierfache. Hier ist eine Koloskopie „Pflicht“, d.h, sie wird dringend empfohlen, um das „genetische“ Risiko richtig einschätzen zu können! Dabei erfolgt die erste Koloskopie „altersadaptiert“, möglichst mindestens zehn Jahre bevor der Krebs bei dem betroffenen Familienmitglied aufgetreten ist.

MDÄ.de: Ausrichter des Darmkrebsmonats sind die Felix Burda Stiftung, die Stiftung LebensBlicke und das Netzwerk gegen Darmkrebs. Der Berufsverband der niedergelassenen Magen-Darm-Ärzte unterstützt alle drei – wie und warum?

Hüppe: Ohne ständige öffentliche Werbung für die Darmkrebsvorsorge wird nur ein kleiner Teil der Bürger bisher erreicht. Mehr öffentliche Ausklärung ist nötig, um den Beteiligungsgrad zu erhöhen. Alle Beteiligten hoffen, dass das gesetzlich beschlossene Einladungsverfahren zur Darmkrebsvorsorge in 2017 endlich in die Tat umgesetzt wird! Der bng repräsentiert die Fachkompetenz und die qualitativ gesicherte Darmkrebsvorsorge und sorgt für zeitnahe Termine. Dadurch wird klar, dass eine Vernetzung von öffentlicher Motivation der Bürger und Ärzten nötig ist.