»Wartezeiten sind das Symptom einer systematischen Fehlsteuerung im Gesundheitswesen.«

Wartezeiten auf Termine beim Facharzt sollen künftig über Terminservicestellen aus der Welt geschaffen werden. Geplant ist eine Vermittlung rund um die Uhr, d.h. 24 Stunden täglich an sieben Tagen in der Woche. „Das ist purer Aktionismus, der die eigentlichen Probleme in unserem Gesundheitswesen nur verschleiert“, sagt Dr. Albert Beyer vom Vorstand des Berufsverbandes der niedergelassenen Gastroenterologen (bng).

MDÄ.de: Niemand geht zum Vergnügen zur Untersuchung oder Behandlung beim Facharzt. Patienten, die einen Termin anfragen, haben ernstzunehmende Symptome, die abgeklärt werden müssen. Kann es da verwundern, dass lange Wartezeiten als unzumutbar empfunden werden?

Beyer: Die ganze Diskussion um Wartezeiten auf Facharzttermine erweckt den eigentümlichen Eindruck, als ob die niedergelassenen Ärzte böswillig und absichtlich keine Patienten untersuchen wollen. Das ist so absurd wie ein Bäcker, der sich weigert Brötchen zu backen. Tatsächlich sind die langen Wartezeiten nur ein Symptom für strukturelle Mängel in der Gesundheitsversorgung, die seit Jahren verschleppt werden. Rahmenbedingungen wie Budgets, Zulassungsbeschränkungen und eine fehlgesteuerte Arztausbildung führen ganz zwangsläufig zu Engpässen. Terminservicestellen werden als Wunderwaffe verkauft, aber sie können diese Schieflage nicht beseitigen.

MDÄ.de: Es heißt doch immer, dass im deutschen Krankenversicherungssystem jeder jede notwendige Untersuchung erhält – wie können Budgets dem im Wege stehen?

Beyer: Nehmen Sie zum Beispiel die Magen-Spiegelung. Es gibt eine Obergrenze für die Anzahl der Untersuchungen, die ein Magen-Darm-Arzt im Quartal durchführen darf. Jede Anforderung, die darüber hinaus geht, kann er erst im nächsten Quartal anbieten. Der Patient muss aus systembedingten Gründen auf seinen Termin warten.

MDÄ.de: Aber es gibt doch genug Ärzte. Können Terminservicestellen nicht helfen, einen Arzt zu finden, der sein Kontingent an Untersuchungen noch nicht erschöpft hat?

Beyer: Gerade hier zeigt sich die Schieflage der Diskussion sehr deutlich: Wie vertragen sich Wartezeiten mit einer angeblichen Überversorgung durch internistische Praxen in Deutschland? Offenbar gar nicht! Es gibt eine sogenannte Bedarfsplanung, die regelt, wie viele Fachärzte sich in einer Region niederlassen dürfen. Dennoch gibt es mehr Patienten, als von den zugelassenen Praxen versorgt werden können.

MDÄ.de: Was halten Sie von dem Vorschlag, dass Krankenhäuser in die Bresche springen?

Beyer: Das wäre eine teure Lösung und eine schlechte noch dazu. Die Krankenhäuser klagen heute schon über einen Ansturm auf die Notfall-Ambulanzen, den sie kaum bewältigen können. Personell ist schon die stationäre Regelversorgung – bei ärztlicher und pflegerischer Unterbesetzung – kaum zu leisten. Die Kosten für die typischen Untersuchungen beim Magen-Darm-Arzt würden im Rahmen einer Krankenhaus-Versorgung explodieren. Und nicht zuletzt unterliegen die Magen-Darm-Ärzte Qualitätsanforderungen und -kontrollen, die von den Kliniken in der Regel nicht erfüllt werden können.

MDÄ.de: Was wäre also aus Ihrer Sicht die Alternative zu Terminservicestellen?

Beyer: Untersuchungen beim Magen-Darm-Arzt wie Magen- oder Darmspiegelungen sowie die damit verbundenen Behandlungen sind keine ausweitbaren Leistungen, die das Gesundheitssystem übermäßig belasten. Es sind notwendige Maßnahmen, die in hinreichender Menge verfügbar sein müssen. Da darf es weder Obergrenzen noch abstrafende Vergütungsregelungen geben. Wer unsachgemäß Mengen begrenzt, darf sich nicht wundern, wenn Engpässe entstehen. Die lassen sich nicht durch Druck auf das System lösen, sondern nur durch eine bedarfsgerechte Anpassung des Leistungsangebots.