»Niemand ist vor Darmkrebs gefeit, aber jeder hat es in der Hand, seine Risiken günstig zu beeinflussen.«

Am 1. Oktober 2002 ging das Programm zur gesetzlichen Darmkrebsfrüherkennung an den Start. Neben dem Stuhltest auf okkultes Blut (FOBT) konnten alle Bürger über 55 Jahre die Vorsorgekoloskopie erstmalig und damals weltweit einzigartig in auf Kassenkosten in Anspruch nehmen. 15 Jahre danach zieht der Darmkrebsexperte der niedergelassenen Magen-Darm-Ärzte, Dr. Jens Aschenbeck, Bilanz.

MDÄ.de: Hat das Vorsorgeprogramm die Erwartungen erfüllt?

Aschenbeck: Seit nun 15 Jahren gibt es die Darmspiegelung als Vorsorgeuntersuchung bei über 55 Jährigen. Ziel dieser Früherkennungsmaßnahme ist es, die Vorstufen von Darmkrebs, die sogenannten Polypen, zu erkennen und in gleicher Sitzung abzutragen, damit ein Darmkrebs gar nicht erst entstehen kann. Wenn wir dennoch einen Darmkrebs entdecken würden, dann in einer sehr frühen Form und damit sehr gut behandelbar. Unsere Erwartungen waren, mit einer möglichst gefahrlosen Methode möglichst viele Menschen zu untersuchen und damit die Wahrscheinlichkeit zu senken, an Darmkrebs zu erkranken. Fazit: Die Darmspiegelung ist nachweislich, in der Hand der geübten und versierten Kollegen in der Niederlassung, ein sehr sicheres Verfahren mit vergleichsweise seltenen Zwischenfällen. Weiterhin ist die Häufigkeit an Darmkrebs zu erkranken oder zu sterben, in dieser Zeit gesunken. Sind diese Erwartungen also eingetroffen, so kann man doch sagen, dass die Zahl der Teilnehmer mit etwa 25 Prozent ausbaufähig ist. Hier müssen wir weiter Aufklärungsarbeit leisten und für Motivation sorgen.

MDÄ.de: Wie gut ist die Akzeptanz der Darmkrebsvorsorge bei den anspruchsberechtigten Versicherten?

Aschenbeck: Die Darmspiegelung zählt zweifelsohne nicht zu den Lieblingsbeschäftigungen der Menschen. Mit der konsequenten Durchführung der Sedierung („Schlafspritze“) konnten wir aber viele überzeugen, dass diese nicht schmerzhaft ist. In den letzten Jahren ist das Phänomen des „geblähten Bauches“ nach der Untersuchung nicht mehr wahrzunehmen, da wir Kohlendioxid für die Spiegelung anbieten können. Dies ist bereits nach zehn Minuten nicht mehr im Darm nachweisbar. Die Abführlösung konnte in der Menge reduziert werden und auch geschmacklich hat sich was getan. Zusammenfassend kann man heute festhalten, dass 90 Prozent die Untersuchung wieder durchführen lassen würden und mehr als 80 Prozent das Abführen als das Unangenehmste der gesamten Prozedur empfinden. Dies hat die BECOP Studie in Berlin aufgezeigt.

MDÄ.de: Warum reicht nicht der immunologische Stuhltest? Warum muss ich auch noch zur Darmspiegelung?

Aschenbeck: Seit 2017 kann zur Vorsorgeuntersuchung der iFOBT (immunologische Stuhltest) durchgeführt werden. Er weist, im Gegensatz zum alten Hämoccult-Test, nur menschliches Blut nach. Dies führt zu einem genaueren Testergebnis. Wenn man sich vor Augen hält, dass eine Veränderung im Darm, egal ob Polyp oder ein bösartiger Tumor, nicht jeden Tag blutet, dann ist auch klar, dass es ein relatives Risiko gibt, etwas zu übersehen. Fazit: Ein Stuhltest ist besser, als nichts zu machen. Zur Darmspiegelung muss aber jeder Mensch, der einen positiven Stuhltest hat. Und zur Koloskopie sollten alle diejenigen gehen, die auf Nummer sicher gehen wollen.

MDÄ.de: Stimmt es, dass die Qualitätsanforderungen für die Untersuchung in den letzten Jahren zu Qualitätssteigerungen in den Praxen geführt haben, die weit über das hinaus gehen, was Kliniken bieten?

Aschenbeck: In der ambulanten Medizin der Niederlassung muss eine Genehmigung zur Durchführung der Vorsorgekoloskopie beantragt werden. Diese beinhaltet Mindestmengen an Spiegelungen und Polypabtragungen. Es werden hohe Qualitätskriterien an die verwendeten Geräte. Ferner gibt es unabhängige Kontrollen der hygienischen Bedingungen und das Praxisteam ist für die Anforderungen der Sedierung und für Notfälle geschult. Zudem wird jede Vorsorgespiegelung sowie ihr Ergebnis strikt dokumentiert und damit zentral erfasst. Diese Ermächtigung für die Vorsorgekoloskopie ist streng arzt- bzw. praxisbezogen: D.h. der Patient weiß vorher bereits, mit welcher Qualifikation der Arzt in der gewählten Praxis ihn untersucht  und kann sich damit einer höchstmöglichen Qualität sicher sein.

MDÄ.de: Sollte es nicht ein Einladungsverfahren für anspruchsberechtigte Versicherte geben? Warum kommt es nicht?

Aschenbeck: Schaut man sich in Europa um, so erfährt man, dass z. B. die Niederländer mit dem persönlichen Einladungsverfahren Dreiviertel der Bürger überzeugt haben, einen Stuhltest an ein Labor zu senden. Natürlich sollte im positiven Falle eine Darmspiegelung erfolgen. Ebenso wie in vielen Pilotprojekten in Deutschland konnte sicher nachgewiesen werden, dass die Teilnahmerate an der Vorsorge deutlich steigt. Das Einladungsverfahren steht auch in Deutschland kurz vor der Durchführung. Es ist gesetzlich beschlossen, hängt aber in den Mühlen der Bürokratie. Wichtig ist in diesem Zusammenhang zu erwähnen, dass in jedem Fall eine ärztliche Beratung bei einem positiven Stuhltest erfolgen sollte.

MDÄ.de: Was bezwecken Sie mit der Initiative Familiärer Darmkrebs?

Aschenbeck: Darmkrebs tritt in 25 Prozent der Fälle familiär gehäuft auf. D.h.: Angehörige von Darmkrebspatienten haben ein erhöhtes Risiko, ebenfalls zu erkranken. Mit der gezielten Beratung von Angehörigen wollen wir die Versorgung dieser Menschen deutlich verbessern. Im Rahmen einer groß angelegten Initiative geht der bng auf die Familien der von uns betreuten Darmkrebspatienten zu, indem zunächst der Patient selbst, anschließend bei Einverständnis auch die Angehörigen des Patienten über Notwendigkeit und Möglichkeiten der Vorsorge bei erhöhtem Risiko beraten werden. Eine ausreichende und qualifizierte Verfügbarkeit der Beratung wird dabei durch eine spezielle, zertifizierte Schulung unserer Mitarbeiter sichergestellt. Wir werden die Ergebnisse dokumentieren und evaluieren, um dies auch wissenschaftlich zu begleiten. Damit kümmern sich die niedergelassenen Magen-Darm-Ärzte nicht nur um die Patienten, sondern auch strukturiert um betroffene Angehörige.